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BILLERBECK liegt „über den Wassern“, auf Quellen gebaut, von Quellen umgeben, ist Quellort der Berkel, ein anerkannter Erholungsort, Klein-stadt im ländlichen Raum in den Baumbergen. Als Einkaufsstraße all-gegenwärtig in der Mitte der Billerbecker Innenstadt, zwischen Dom und Johanniskirche gelegen, ermöglicht die Lange Straße als zentrales Verbindungselement einen Zwischenraum für Dialog und Begegnung.

 

Lukas Reiber, Urheber der Intervention, der zur Zeit in  Dresden lebt und arbeitet, ist hier aufgewachsen. Mit einem Blick auf kleine Beson-derheiten des Ort seiner Kindheit und Jugend, hat er in Zusammen-arbeit mit Hörraum und der Stadt Billerbeck sieben Arbeiten in be-wusst kuratierter Folge zu einem Pfad angeordnet, konzipiert als künstlerische Intervention im öffentlichen Raum.

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Wenn der Wind weht

 

„Ob einer glücklicher ist, kann er dem Winde anhören. Dieser mahnt den Unglücklichen an die Zerbrechlichkeit seines Hauses und jagt ihn aus leichtem Schlaf und heftigem Traum. Dem Glücklichen singt er das Lied seines Geborgenseins: ein wütendes Pfeifen meldet, dass er keine Macht mehr hat über ihn.“ - Theodor W. Adorno

 

 

Wind spielte schon immer eine Rolle für den Menschen, für seine Reichweite und für die Entwicklung der Ökonomie und Technik. Dabei entzieht er sich unserer Verfügbarkeitslogik und ist mal Fluch mal Segen. Wind, Hauch und Sturm – wie das Hören, die Stille und der Klang – waren und sind auch Sinnbilder für den Menschen, für seine Inspiration, für den Geist und die Poesie, für seine Schöpfungsmythen und seine Schöpferkraft.

 

Am Dom in Billerbeck kann der Wind ein pfeifender sein, der die Sehnsucht nach einer warmen Behausung schürt. Wer Billerbeck öfter im Herbst besucht, könnte ein Lied davon singen. Ein passender Ort also für die temporäre Installation zweier Windharfen.

 

Die Windharfen bestehen aus einem Resonanzkasten aus Holz, auf dem 10 Nylonsaiten aufgespannt sind. Streift der Wind über die Saiten, erzeugt er dabei Luftwirbel. Durch diese werden die Saiten in Schwingung versetzt. Je nach Windgeschwindigkeit variiert das Geschehen. Und wenn der Wind nicht weht? Warten bis er weht! Und bei echter Flaute ? Später wiederkommen – wenn der Wind weht!

 

 

Beziehungswaisen

 

Glas - ein natürliches Material, trennend in seiner Funktion, transparent in seiner Symbolik, kulturell in seinem Nutzen festgelegt, thermodynamisch in einem ungeklärten Zustand, nicht fest, nicht flüssig, innerlich formlos, amorph.

 

Die Pflanze ist bestückt mit sogenannten EMS Elektroden. Das sind kleine medizinische Messelektroden, die den Leitwert der Pflanze registrieren. Die so ermittelten Daten werden in sogenannte Mididaten gewandelt und können somit in Töne übersetzt werden. 

Durch Exciter, kleine Impulsgeber, die jedes beliebige Objekt an Stelle einer Membran zum Schwingen bringen, werden die Schwingungen der übersetzten Töne an die, die Pflanze umgebenen und trennenden Glasscheiben gebracht. Die Scheiben machen die Schwingungen als 'musikalisches' Soundereignis innen und außen hörbar, bringen das Innere nach außen.

Eine Zusammenkunft zwischen dem Menschlichen und dem Nichtmenschlichen, zwischen dem Materiellen und Nichtmateriellen, zwischen dem Organischen und Technischen, zwischen Natur und Kultur.

Vorübergehend – Nicht erreichbar

 

„Ein Telefonnetz, das aus Apparaten besteht, die nur anrufen und nicht antworten können, verwehrt jeden Dialog und kann nicht funktionieren. Ohne Verantwortung gibt es keine Freiheit.“   Villem Flusser

 

'Learning by the virus' war der ursprüngliche Titel einer aufgetragenen Arbeit. Da steht es nun das Readymade – ein altes Telefon - und schellt gelegentlich einige Sekunden über den Platz. Ein Moment, in dem ein Raum entsteht!

 

Gedankliche Analogien, Gefühle, Erinnerungen. Hoffnung. Annehmen, was uns anruft? Auf Vernommenes antworten? In Resonanz sein? Ein kleines Lächeln vielleicht beim Vorübergehen. Oder was auch immer möglich ist auf der Strasse. 

 

„Vorübergehend – nicht erreichbar“.

Über den Wassern

 

Unter dem Straßenbelag befinden sich einige Quelltöpfe, dessen Wasser zur Oberfläche drückt. Damit das in diesem besiedelten Gebiet nicht mehr zu 'nassen Füßen führt', wie es gewesen ist in früheren Zeiten, wird ein Teil des Quellwassers heute kontrolliert über das Rohrsystem abgeführt . Dieser Bereich der Stadtmitte bis zum Kirchplatz wurde „Überwasser“ genannt. Der Name der Gaststätte 'Überwasserhof' - (jetzt Melrose), erinnerte vor einigen Jahren noch daran. Die Hörinstallation „Über den Wassern“ weist hin auf die Quelltöpfe.

 

Sie hören Aufnahmen einer 'Komposition', gespielt auf einem selbstgefertigten Instrumentarium aus Eisen, Kupfer und Bronze - Elemente, die aus dem Erdreich ans Tageslicht gebracht wurden. Die 'Komposition' dauert ca. 3 Minuten, worauf eine Pause von 12 Minuten folgt. Setzen sie sich und hören bewusst und mit geschlossenen Augen auf die Dynamik und die Klangfläche, jenseits Ihrer Vorstellung, die Sie von Musik haben und auch fern von Urteil und Bewertung.

Hörraum Lange Strasse

 

Sie können sich auf das Podest setzen. Bringen Sie die Metallschale unter Nutzung des Seils vorsichtig in die Position, die es Ihnen ermöglicht , dass der Kopf von der Schale umhüllt ist, ohne dass der Kopf das Metall der Schale berührt.

 

Spielen Sie die Schale sanft und in Ruhe an. Versuchen Sie, dabei zu schweigen. Eventuell schließen Sie die Augen. Geben Sie sich bitte die Zeit, dem Klang so lange nachzuhören, bis die Töne nicht mehr hörbar sind. Bleiben Sie auch darüberhinaus noch eine Weile in der hörenden Haltung und lenken Ihre Aufmerksamkeit auf die Geräusche der Lange Strasse.

Haltungswandel

 

Sie können diese Skulptur anschauen, das Ensemble umlaufen, Ihre Perspektive wechseln, es in Beziehung setzen zu der Umgebung, sich berühren lassen von der Ansicht.

Sie können die einzelnen Teile der Skulptur auch selbst berühren, Ihr Gewicht abgeben auf die stehenden oder liegenden Körper des Ensembles. Sich anschmiegen an sie, sich hinlegen, anlehnen, sie umgreifen, auf ihnen sitzen, turnen oder Gebäck knabbern.

 

Sie können Ihre Haltung verändern mit ihnen und durch sie. Kopfüber Ihre Perspektiven erproben. Sie können sich beziehen zu den einzelnen Körpern der Skulptur und zu möglichen „Mitspielern“, dabei neue Räume öffnen, szenisch improvisieren.

 

Sie können Teil werden dieser Skulptur während Sie das Ganze denken. 

 

Sie sehen das Modell für eine Skulptur, die mit Stein oder Gussmaterialien für den Aussenbereich realisiert werden kann.

Konzert für sieben Herzen

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Foto: Robert Wilken

Aus jedem dieser Lautsprecherschalen in der Johanniskirche ertönt ein anderer, zuvor mikrofonisierter menschlicher Herzton. Die Herztöne haben unterschiedliche Schlagfrequenzen ( Pulsschläge pro Minute) .

Schauen und hören Sie erst einmal. Wandeln Sie langsam zwischen den Herztönen. Nähern Sie sich mit dem Ohr mal der einen dann der anderen Schale. Eventuell gehen Sie auch tiefer, als eine Schale hoch steht. Hören Sie auf das gesamte Geschehen, als wäre es ein Konzert und lassen Sie es

zu einem Konzert werden.

 

Sie können den Stuhl zwischen die Schalen stellen, sich setzen, und mit geschlossenen Augen dem Verlauf und Wandel der ungewohnten aber menschlichen Rhythmen folgen.

Nach 15 Minuten ist 15 Minuten Stille.